Texte über Stefan Zöllner / " BOXENSTOPP "
Ecken, Lücken, Module
- Auf Reisen in Stefan Zöllners Raum -Ich besitze ein Objekt des Künstlers, eine Art Sonne aus vier Besen, deren Borsten sich über eine Länge von 8 bis 9 cm flach nach außen spreizen und so unten 11 und oben 15 cm breite Strahlenbündel ausbilden. Alle vier Besen sind in Kreuzform angeordnet, in der Mitte durch ein 15 x 15 cm quadratisches Ledersäckchen zusammengehalten. Das ganze Objekt hat etwa die Maße 32 x 33 cm und kann an einer von vorne unsichtbaren Kordel aufgehängt werden. Die Massivität und Widerborstigkeit des Materials korreliert mit der Erstassoziation Sonne und der Ähnlichkeit zum Eisernen Kreuz. Beide ästhetischen Konzepte prallen jedoch ab an der schier uneinnehmbar rustikalen Form, die diese Sonne angenommen hat. Hart aber gerecht fegen vier Besen den Weltenstall aus!
Ist sicher unschick, olle Kamellen wie Dada/Surrealismus heranzuziehen, aber für einen Nicht-Kunstkenner wie mich, der sonst eher in auralen Sphären unterwegs ist, stellt Zürich 1916 eben doch das Symbol einer kleinen, aber feinen kollektiven Schocktherapie dar. Ist doch so, dass Dada der Punkrock des frühen 20. Jahrhunderts war? Will keine langbärtigen Debatten anzetteln, aber zumindest einige Teile der späteren Popkultur haben diese Verwandtschaft auch erkannt. In guter Nachbarschaft mit der fortgeschrittenen Psychedelik etwa eines Captain Beefheart, zeugen surrealistische Kerben im Baum der Geschichte (Absteigen ins Bad des Unbewussten, Hacken neuronaler Schaltkreise etc.) von einer Tradition, die immer durch Ikonen (W.S. Burroughs etwa) repräsentiert wird, denn Surrealismus ist eigentlich eitel und weltzugewandt.
Als einer unter vielen Einflüssen durchweht dieser Wind auch Stefan Zöllners Werk. Und ich denke dabei nicht nur naheliegender weise an seine frühen Collagen. "Transpersonale Bänderdehnung" (so der Titel einer seiner jüngeren Ausstellungen). das erinnert an das Konzept eines lustvollen Ausreizens einer vorgegebenen Materiallandschaft, die immer wieder beinahe fetischartige Verdichtungen bietet. Die klar präsente Aura eines Gegenstands herauszulösen und in freier Konstellation zum Inventar einer automatisch oder kontrolliert evozierten Parallelwelt zu erheben, dazu gehört Magie. Das "System", modular, schließt augenblicklich alle Realitätsgeländer kurz und schickt den geeigneten Betrachter auf eine immerwährend mäandernde ontologische Rutschbahn. Transpersonal ist das, weil die eigene Person erst einmal überrumpelt werden muss und das allen so geht. Material und Farbe haben sich endlich gefunden und präsentieren sich stolz in einem orgiastischen Dauerclinch. Die Farbauswahl konzentriert sich auf zwei Pole: Organisch elegant und industriell-poppig. Ebenso in "Erotomaniacs", wo zusätzlicher Raum zur Verfügung steht. Raum in Stefan Zöllners Arbeiten ist teils expansiv codiert, teils angenehm verschwägert mit dem "ma" (etwa: "Lücke", "Zwischenraum") der japanischen Zen-Kultur. Dass Zen-Praxis ein gangbarer Weg für Künstler ist, erscheint banal, aber hier ist ein Meister vom Hocker gefallen. Ein Atelier als Gebetshalle, der auf ein Schachbrett gestülpte Ur-Raum, idealer Ausgangspunkt für eine Exkursion in die Kunst Stefan Zöllners.
Malerei und Zeichnungen: Hier wird ein präverbales Sehnen nach Formen-Kitzel erfüllt. Skurille Gestalten und wohltuende Entstellungen erzeugen atavistische Erinnerungsfraktale, ganz wie Wilhelm Busch auf Absinth (den großen Waschmaschinenhersteller lasse ich mal aus dem Spiel). Hier wird einmal drastisch vorgeführt, wie schön die Welt hätte sein können. Sinnenfrohe Kleingötter rackern sich ab in weitläufig gespreizten Raumentwürfen, ohne zu merken, dass sie längst Menschen sind. In so einem Zöllner-Bild will man sofort seine Zelte aufschlagen. Dereinst werden Horden von Ethnologen dort intensive Forschungen betreiben. Und heute?
Am Zöllner kann sich niemand vorbeimogeln, erst recht nicht, wer sich jemals vorurteilsfrei um den Geist ihrer Zeit geschert hat. Die Pop-kultur der 80er und 90er stand mit einem Zeh auch auf dem Boden einer teils para-okkulten oder expressionistisch-tribalen Undergroundkultur, in der "Modern Primitives" als radikale Avantgarde Piercing und Tattoo vormachten, überall die Dreamachine rotierte und der Psychedelikk der Vorzeit eine zweite Amtsperiode gewährt wurde. Weltweit wurde da weitergearbeitet oder nie aufgehört. Und analog zu Velvet Underground vs. Kalifornien wiedererstand in Europa eine Art Ästhetik des Abseitig-Spirituellen - diametral entgegengesetzt zum Wirtschaftsfaktor "Esoterik" und beispielhaft repräsentiert durch die englische post-anarchistische Independentszene um Nurse with Wound etc. Dieser Hintergrund mag im Zusammenhang mit Zöllner weit hergeholt erscheinen, doch er soll hier als Hinweis auf eine mögliche Geistesverwandtschaft dienen. Schamane? Ein inflationär gebrauchter und oft nivellierender Titel, aber bei Stefan würde ich ihn mit einem Fragezeichen im Raum stehen lassen. Während seine Musik (unter dem Namen Fatagaga)streckenweise eher einer unterkühlten, post-post-modernen Auralerotik huldigt, könnte für seinen bildnerischen Output (mit Vorbehalten) die Assoziation "schamanistisch" adäquat erscheinen. Ich als Banause darf so was ja sagen. Stefan Zöllner steht vor der Kellertreppe. Hier geht's abwärts: Willkommen im Raum, einer Projektion von unter dem Hirnkasten des Meisters! Ein schweinigeliges Kichern durchpulst Ihren Auralkörper, nur ein exorbitant allumschlingendes Gelächter vermag im nD-Schacht ausreichend Schutz vor frei flottierenden nagualen Kopfnüssen zu bieten.
Es ist die Trockensonne, deren Schein eher fossil und nachhaltig wirkt, hautschonend und vitaminreich. Nebenbei: Das Ding strahlt jetzt in meinem Arbeitsraum. Es ist ein Modul, wie viele seiner ehemaligen Ateliergenossen, nun andernorts in Ausübung einer hehren Pflicht. Schön, dass man eine Sonne nun endlich es nennen darf. Den Wettkampf der Ikons hat hier eindeutig die Drittassoziation gewonnen: Das auf eine heidnische Weltarchitektur verweisende Ikon einer bodenständigen Vier-Ecken- Ausrichtung (und das Auskehren derselben). In Allen Vier Ecken soll ja bekanntlich.
Luka Höfler, 2005