Stefan Zöllner

Mobilmachung

Die Werkgruppe Mobilmachung wurde 2005 begonnen und bis heute weiter entwickelt. Es sind bisher 66 Koffer entstanden, von denen hier eine repräsentative Auswahl zusammen mit einem Konzepttext von 2016 gezeigt wird.

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Der Koffer als Bühne und Ordnungsprinzip

Bühne
Koffer werden zum Aufbewahrungsort für zahllose Fundstücke und aus ihnen entstandenen Objekten, die sich im Atelier des Künstlers ansammeln. Sie dienen zudem als bequeme und sichere Transportcontainer. Jeder Koffer stellt einen kleinen, aber autarken Ausstellungsraum dar, der sich in jeder Situation als Kunstobjekt behaupten kann.Sein Äußeres bleibt anonym, unauffällig, diskret und gewöhnlich. Der Koffer muss sich erst öffnen wie eine Muschel, um sein Inneres preis zu geben. Dieser einfache Akt reicht aus, um eine Ausstellung zu realisieren. Durch die Definition von Innen und Außen erfüllt sich die erste Bedingung der Kunst: die Existenz eines Rahmens oder einer Bühne.

Enigma,Koffer mit Objekten von Stefan Zoellner
Enigma, 2013

Geheimnis
Der Vorgang des Öffnens hat die gleiche Funktion wie ein sich hebender Bühnenvorhang und präsentiert ein offenes Semantisches Feld, das zur Kommunikation einlädt. Jeder Koffer enthält ein poetisches Ensemble von Gegenständen, das vom Betrachter entschlüsselt werden will. Das Rätselhafte ist für den Künstler die Essenz der Kunst, fordert es doch den Betrachter stets aufs Neue heraus, sich mit ihr zu beschäftigen. Das Geheimnis ist der Mehrwert, der ein Kunstwerk am Leben hält.

Magie
Es hat den Anschein, dass je tiefer die Wissenschaften ins Unbekannte vorstoßen und auf der Suche nach der Weltformel mit immer komplexeren Algorithmen und Versuchsanordnungen die sogenannte Realität ausleuchten, desto mehr Rätsel auftauchen. Die gute, alte Materie verblüfft in der Quantenphysik mit sozusagen unsubstanziellem Verhalten. Immer wieder werden wir auf den Geist zurückgeworfen, von dem Zenmeister sagen, dass er nur in einem Blitz der Erkenntnis realisiert
werden kann. Weisheit kann nicht durch Rationalität erlangt werden. Die Welt ist tief und ihr Witz funktioniert ohne Erklärung.

Notfallkoffer, mit Objekten von Stefan Zoellner
Notfallkoffer, 2008

Reiseutensil
Der übergeordnete Titel Mobilmachung ergibt sich aus der vordergründigen Tatsache, dass Koffer als das wichtigste Utensil des Reisens gelten. Jeder Reisende trennt zwischen dem, was er zurück lassen kann und dem, was unbedingt mit muss. Aus dem, was ein Reisender in seinem Koffer mit sich trägt, kann man auf den Sinn und Zweck seiner Reise schließen. Mobilmachung ist aber natürlich vor allem ein militärischer Begriff. Die Frage stellt sich, für welche Art von Krieg Kunstobjekte in Koffer gepackt werden. Der „Notfallkoffer“ von 2008 enthält magisch anmutende Apparaturen und eine kryptische, alchemistische Bedienungsanleitung für den Einsatz bei geistigen Notfällen. Dieser Koffer dient offensichtlich der Heilung, nicht dem Krieg.

Chaos
Mobilmachung ist auch eine ironische Anspielung darauf, dass vorher sehr bewegliche Teile durch die Montage in einen Koffer scheinbar zur Ruhe kommen. Der Künstler in einem Interview: „Fundstücke und aus der Warenwelt entnommene Objekte werden mit minimalen Eingriffen zu magischen Tools fusioniert. Sie verbleiben zur Reifung zunächst in der entropiereichen Umwälzanlage des Ateliers. Sie landen in einem der zahlreichen Umzugskartons oder sie liegen in Regalen herum. Ich vergesse, dass es sie gibt. Sie warten auf ihren Einsatz. Wenn es soweit ist, werden sie mit andern Objekten kombiniert, z.B. in einer temporären Tischinstallation, die nicht standhält und wieder verworfen wird. Die Objekte befreien sich im Zuge meiner Arbeit immer wieder aus ihrer vorläufi gen Zuordnung und bieten sich erneut für andere Kombinationsmöglichkeiten an. Im Zeitraffer vorgestellt, gleicht mein Atelier einem Ameisenhaufen. Kleine animierte Plastikteile ändern ständig ihre Koordinaten.“

Stalker, Koffer mit Objekten von Stefan Zoellner
Stalker, 2010

Ordnung
Durch den Einbau in Koffer werden die unruhigen Geister auf den ersten Blick in einen Zustand der soliden Ordnung gebracht, sorgfältig verstaut und schützend umhüllt. Aber ihr Aufenthalt im Koffer suggeriert weitere Reisen und erneute Bewegung. Am Zielort angekommen, wird der Koffer geöffnet. Die Insassen scheinen den Betrachter nach Sinn und Zweck ihres Hierseins zu fragen und fordern ihn förmlich auf, sie in Betrieb zu nehmen. Sie sind wie ein Ensemble von Schauspielern, die auf den Regisseur warten, oder wie Instrumente ohne Virtuosen.